von Dorit Oehme (Sächsische Zeitung 17.Juli 2014) ©

Auf Reisen mit Exoten

Der Freitaler Uwe Wolf transportiert europaweit Zootiere. Dabei setzt er auf Erfahrung- und Bauchgefühl

Sein blauer Mercedes-Sprinter ist werbefrei. Ein Löwenkopf in weiß klebt auf dem Heck. Doch Namen seiner Firma "Transexotica" hat Uwe Wolf bewusst weggelassen "Ich will gar nicht erst Begehrlichkeiten wecken. Außerdem arbeite ich nur für Zoos, Sie kennen meine Arbeit sowieso." Europaweit gebe es lediglich eine Handvoll Unternehmen, die wie er, Zootiere proffessionell auf dem Landweg transportieren, erklärt der 49-Jährige. Dann öffnet er den Kastenwagen, der in einer kleinen Nebenstraße vor seinem Haus in Freital parkt.

Stroh liegt auf dem Boden. Der hintere Kabinenteil ist ausgefüllt von einer zwei Meter langen und 1,70 Meter hohen Transportkiste. Hinter der Fahrerbank stehen kleinere. "Im Dresdner Zoo habe ich mein Depot. Dort wird die größet Kiste mit dem Gabelstabler abgeladen", sagte Wolf. Gebaut heben sie ein Freitaler Tischler nach seinem Wünschen: Stabil, gesichert und mit guter Belüftung.

Eine Oryx-Antilope vom größten Safari-Park Europas im südfranzösischen Sigean hat der erfahrene Zootierpflege-Meister darin zuletzt nach Magdeburg gebracht. In einem Rutsch nahm er noch drei Drill-Affen von Saarbrücken nach Osnabrück mit. Seit 2008 hat Wolf für die Transporte eine eigene Lizenz. Schon in den 1990ern arbeitete er nebenberuflich in Kooperation mit einem Stuttgarter Kollegen. "Mich reizte es, Zoos kennenzulernen.Als Erstes habe ich eine ausgewachsenen Elchkuh von Karlsruhe nach Danzig gefahren." Weil damals die Abwicklung am polnischen Zoll noch sehr umständlich war, wollte keiner gern hin. Dem Sachsen war das Nachbarland von Urlaubsreisen mit den Eltern vertraut. "Peu ä peu ging es weiter. Bald war ich in Paris, Madrid  und Lissabon." Fürs neu Raubtierhaus im Zoo von Frankfurt am Main holte Wolf Indische Löwen aus England und Tiger aus Frankreich. Das größte Tier, mit dem er auf Reisen ging, war ein Bisonbulle.


Hauptberuflich arbeitete Wolf bis vor zehn Jahren in Süddeutschland. Er pflegte seltene Vogelarten wie Kiwis, Schuhschnabel und Borstenkopf im Zoologisch-botanischen Garten "Wilhelms" in Stuttgart. Als Zooinspektor wirkte er in Landau. Einen Greifvogel mit gebrochenem Flügel, junge Wildenten und Supfschildkröten pflegte er schon als Kind in Freital. Der Großvater väterlicherseits, ein Kohlenhändler, stellte ihm sein Gewächshaus als Mini-Tropenhaus bereit. Auch das leere Freilandterrarium seiner Schule am Waldblick durfte Uwe Wolf neu beleben. "Mit einem Mitschüler nahm ich dafür die Auflage des Direktors in Kauf, in den Sommerferien den Schulgarten zu gießen." Blos mit dem Zoo-Praktikum klappte es nicht. Das war Dresdens Schülern vorbehalten. "Ich konnte es darum kaum fassen, als ich an einem 11.11. die Ausbildungszusage zum Zootierpfleger bekam. Nur ein Mädchen und ein Junge von 300 Bewerbern wurden genommen."


Wolfs Frau hat den selben Beruf erlernt. Sie arbeitet zwar nicht mehr darin, brachte aber von Anfang ihr Verständnis für die weiten Touren entgegen. "Doch der Lebensmittelpunkt in Freital ist wichtig, gerade auch für unsere Zwillingssöhne" sagte Wolf. Er fährt oft nachts, weil es stressfreier für ihn und die Tiere ist. Eine Kabinenrückwand gibt es nicht. So kann ich die Tiere gut hören und mit ihnen reden. Dann sind sie ruhiger. Viele mögen klassische Musik. Schimpansen lieben Streichquartette. Besonders bei Menschenaffen reisen vertraute Pfleger mit, Ansonsten betreut und füttert Wolf die Tiere selber. Dafür kauft er auch Frisches in Märkten ein.

Die mit 3130 Kilometern längste Strecke hat er bisher zum nördlichsten Zoo der Welt, dem Polarzoo Barde in Norwegen zurückgelegt. Sind Raubtiere an Bord setzt Wolf auf Respekt statt Angst. Doch als kürzlich ein Sibirischer Tiger seinen Revierruf ausstieß stellten sich auch ihm für Momente die Nackenhaare auf. Ein gutes Bauchgefühl im Umgang mit Tieren ist das wichtigste sagte der Freitaler. Ausgebüxt ist ihm noch keins. Doch einmal knirschten die Hufe eines Zebra-Hengstes verdächtigt. Danach tauchte der der gestreifte Kopf in der halb geöffneten Kiste auf. Geistesgegenwärtig trat Wolf in die Kupplung, steuerte den Wagen behutsam bremsend auf den Seitenstreifen. Mit Möhren beruhigte er dasTier und schob den Kopf zurück. Dann packte er das Werkzeug aus. Ein Fertigungsfehler an der Leih-Box war die Ursache. Sei dem entwickelt und baut Wolf den Großteil seiner Kisten selbst.

Die Transporte sind oft Teil von Artenschutz- und Zuchtprogrammen. Wolf plant sie von Freital aus langfristig mit den Teams in den Zoos. "Mein Traum wäre es, weltweit auch Tiere auf Langstreckenflügen zu begleiten", verrät der Transexotica-Chef. Mit seiner Frau war er schon auf den Philippinen, im Krüger Nationalpark Südafrika und im Al Ain Zoo im Emirat Abu Dhabi. "Das Nashorn ist mein persönlicher Favorit" verrät er noch. Dann klingelt das Telefon: ein französischer Zoo...